Niedrige Spannen gefährden Versorgung mit Arzneimitteln

Der Österreicher Bernd Grabner wurde zum Präsidenten der europäischen Dachorganisation von 750 Vollgroßhändlern aus 33 europäischen Ländern gewählt. Im Interview spricht er über Lieferengpässe, sinkende Spannen und die daraus resultierende Gefahr für die Arzneimittelversorgung sowie die EU-Fälschungsrichtlinie.

Quelle: Ärztekrone und Apothekerkrone 12/2019

  

Der Österreicher Bernd Grabner wurde zum Präsidenten der europäischen Dachorganisation von 750 Vollgroßhändlern aus 33 europäischen Ländern gewählt. Im Interview spricht er über Lieferengpässe, sinkende Spannen und die daraus resultierende Gefahr für die Arzneimittelversorgung sowie die EU-Fälschungsrichtlinie.

 

Sie wurden zum Präsidenten der europäischen Dachorganisation GIRP für den Arzneimittel Vollgroßhandel gewählt. Wie kam es dazu?

Nachdem im Juli 2013 die Jacoby GM Pharma aus der Fusion der Jacoby Pharmazeutika und der GM Pharma entstand, habe ich von Heinrich Jacoby Aufgaben in der GRIP übernommen. Er war dort traditionell sehr engagiert. Ich war dann lange in verschiedenen Arbeitsgruppen und seit vier Jahren im Vorstand. Jetzt hat es eben im Präsidium gegipfelt. Mir ist bewusst, dass ich die Präsidentschaft in gerade sehr herausfordernden Zeiten für den Arzneimittelvollgroßhandel übernehme.<s></s>

 

Eines der aktuellen Themen ist derzeit die Umsetzung der EU-Fälschungsrichtlinie. Sie hätte im Februar starten sollen, es gab aber nun eine sogenannte Stabilisierungsphase, weil nicht alle Länder fertig geworden sind. Wie ist hier der Stand?

Beim vollsortierten Großhandel waren alle Unternehmen zum 9. Februar fertig. Es gibt aber europaweit noch viele andere Großhandelsbewilligungen, zum Beispiel von so genannten Short Linern, die noch nicht alle an das System angebunden sind. Das Problem lag zu Beginn hauptsächlich darin, dass nicht alle Hersteller die erforderlichen Packungsdaten im System hochgeladen haben. Insgesamt gibt es noch ein paar Kinderkrankheiten im System, aber das löst sich über kurz oder lang und wird sich einspielen. Die Datenbank läuft jedenfalls stabil. Die Fehlerrate in Österreich liegt derzeit bei zwei Prozent, europaweit bei vier Prozent. Soweit ich weiß, wurde bisher eine einzige Fälschung in Holland entdeckt. Da waren mehrere Packungen im Umlauf, die völlig ident kodiert war. Da derzeit aber noch eine Stabilisierungsphase läuft, wird die Zahl der gescannten Packungen in Zukunft sicher noch wesentlich steigen und das System muss sich noch bewähren.

 

Wie aufwändig sind die Kontrollen für den Großhandel und wie geht man mit Retouren um?

Wir haben derzeit eine Fehlerquote bei der Auslieferung von 0,1 Promille, bekommen aber Produkte im Wert von drei Prozent des Umsatzes von Apotheken retourniert. Der Großhandel nimmt jedoch nur Produkte zurück, wenn die Apotheke die Lagerbedingungen eingehalten und eine Packung die Apotheke nie verlassen hat. Österreich ist hier europaweit am höchsten Stand, wir verlangen jetzt auf Anforderung der AGES auch Temperaturkontrollen in den Apotheken. Die AGES will aber noch weiter gehen und einen Beleg dafür, dass wir die individuelle Packung auch ausgeliefert haben. Das wäre nur dann lückenlos dokumentierbar, wenn wir jede einzelne Packung scannen und die Seriennummer aufzeichnen würden, was unsere Lieferzeiten extrem verzögern würde. Man darf nicht vergessen, dass EU-weit pro Jahr elf Milliarden Packungen betroffen wären.

 

Ein Thema, das zunehmend diskutiert wird, sind Lieferengpässe. Wie groß ist das Problem wirklich?

Das wird tatsächlich ein immer größeres Thema in ganz Europa. Die EU-Kommission hat dazu eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet – auch bei den Herstellern gibt es so etwas. Der Hauptgrund für die Entwicklungen liegt in den Preisen. Sie sind derzeit massiv unter Druck und niedrig. Also wird dort produziert, wo es am Billigsten ist. Das führt dazu, dass die Produktionskette heute für alles globalisiert ist und damit viel anfälliger ist. Das beste  Beispiel ist Valsartan: da war eine Fabrik in China betroffen. Und dann waren schlagartig alle Hersteller weltweit nicht mehr lieferbar. Nur der Originalhersteller und ein slowenisches Unternehmen konnten noch liefern. Doch auch das war eng, denn in der Pharmaproduktion hat man eine Vorlaufzeit von über zwei Jahren. Wenn es kurzfristig eine Verzögerung gibt, steigt auf einmal der Bedarf. Österreich ist dieser Situation besonders ausgesetzt, weil wir ein kleiner Markt mit tiefen Preisen sind und der wird bei einem globalen Engpass einfach nicht vorrangig versorgt. Das hat man etwa im Vorjahr beim Epipen gesehen. Wir sehen auch, dass es keine Sicherheitsbestände mehr gibt bei den Herstellern, weil überall gespart wird. Das bedeutet, dass ein Problem in der Versorgungskette sofort auf den Markt durchschlägt. Eine weitere Ursache ist, dass es immer mehr Produkte gibt, die der Großhandel nicht mehr hat, weil Hersteller direkt an Apotheke liefern.

 

Die Hersteller sagen allerdings, dass sie auch innerhalb eines Tages liefern können.

Da gibt es unterschiedliche Informationen, in jedem Fall fällt aber unsere Puffermöglichkeit weg. Wir können belegen, dass mehr als die Hälfte der kurzfristigen Lieferunterbrechungen nicht am Markt sichtbar ist, weil der Großhandel das mit seinen Beständen abpuffert. Würde man den Großhandel ausschalten, wäre das also viel schlimmer. Hier ist auch die nächste Regierung gefordert, weil es eine Vorlage der Heads of Medicines Agencies als Zusammenschluss der nationalen Zulassungsbehörden für ein Gesetz gibt, wonach ein Hersteller rechtzeitig vorher melden muss, wenn er für zwei bis vier Wochen nicht im üblichen Umfang im ganzen Land aufliefern kann.

 

Wie groß ist das Volumen der Direktlieferungen?

Der Großhandelsmarkt hat ein Volumen von 2,5 Milliarden Euro in Österreich. Ein Anteil von 600 Millionen Euro wird schon direkt von Herstellern an die Apotheken geliefert. Das tut uns schon sehr weh. Dazu kommt, dass die Spannen extrem niedrig sind: Ein Viertel der Produkte liefert einen Deckungsbeitrag, der unter dem Preis für eine Briefmarke pro Packung liegt. Das kann sich nicht mehr ausgehen. Hier rede ich aber nicht von OTC-Produkten.

 

Stichwort Spannen: wie groß ist das Problem wirklich?

Das Problem sind vor allem die günstigen Medikamente, dann das sind die Massenprodukte. Deshalb gibt es in anderen Ländern auch schon für den Großhandel andere Vergütungsmodelle. In Deutschland gibt es etwa eine Vergütung pro Packung. Ich sehe hier eine große Gefahr in Österreich, wenn man uns nur noch in jenem Bereich arbeiten lässt, wo wir wenig verdienen. Das geht sich dann nicht mehr aus. Bei hochpreisigen Produkten wurden zudem die Fixaufschläge seit 2004 nicht mehr erhöht und liegen pauschal bei 23,74 Euro. Zum Vergleich: damals hat das teuerste Medikament 2000 Euro gekostet, heute sind das über 25.000 Euro. Anders gerechnet: 1992 lagen die Spannen im Großhandel durchgerechnet bei 20 Prozent, jetzt sind sie bei 8,8 Prozent. Gleichzeitig sind aber die Löhne und Aufwände massiv gestiegen. Angesichts dieser Zahlen merkt man dann schon, dass es verdammt dünn wird. Es gibt übrigens ein Gutachten der französischen Wettbewerbsbehörde, wonach die dortigen Großhandelsspannen nicht mehr ausreichen um der Überleben des Großhandels zu ermöglichen. Das gefährde zunehmend die Arzneimittel-Versorgung.

 

Ein anderes Thema im Hinblick auf die Versorgung ist der EU-Austritt von Großbritannien. Ist der Großhandel für den Brexit gerüstet?

Ja, Österreich ist hier gut aufgestellt. Die Behörde hat vorbildlich gehandelt und sehr früh eine Taskforce eingerichtet. Da wurden schon sehr früh alle Hersteller angeschrieben, die vom Brexit betroffen sein könnten. Die Hersteller haben sich drauf eingestellt.

 

Das Interview führt Martin Rümmele

 

<<Zur Person>>

Mag. Bernd Grabner ist Geschäftsführer des österreichischen Großhandels-Unternehmens Jacoby GM Pharma GmbH. Er ist Vize-Präsident und Vorstandsmitglied des Verbandes des österreichischen Arzneimittel Vollgroßhandels PHAGO. Grabner studierte Rechtswissenschaften und Business in Linz. GIRP ist die europäische Dachorganisation der Arzneimittel Vollgroßhändler.